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2007-11-28
Tauchen mit Handicap

Von Lisa Vieth

Timo ist startklar: Mit Daumen und Zeigefinger formt er ein O, das OK-Signal, dann zeigt sein Daumen nach unten und schon taucht er ab, in kompletter Ausrüstung und mit seinen beiden Tauchlehrern. Timo liebt sportliche Herausforderungen: Einmal im Monat geht er tauchen. Dass der Elfjährige das kann, ist alles andere als selbstverständlich: Timo trägt eine Beinprothese.
Vor einem Jahr verlor er bei einem schweren Unfall ein Bein. Ein zu schneller Lkw hatte den Jungen erfasst. Nur ein kurzer Moment, und Timos Leben und das seiner Familie geriet völlig aus der Bahn. Timo war schwerstverletzt, sein Bein musste amputiert werden. Ob er überleben würde, wusste damals niemand.

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Ein Leben mit Handicap

Timo hat eine schlimme Zeit hinter sich. Aber er hat gelernt, sein neues Leben – ein Leben mit Handicap – zu meistern. Dass ihn die Leute im Sommer, wenn er kurze Hosen trägt, oftmals anstarren, nimmt er inzwischen sportlich: „Die gucken halt. Ist ja auch normal, aber ist nicht schlimm.“ Schwerer wiegen Erfahrungen von Ausgrenzung und Hänseleien. Dass sich Freunde abwenden, dass viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, es plötzlich nicht mehr sind – allein zur Schule gehen, Fahrrad fahren, Inlineskaten, mit Freunden unbeschränkt mobil sein zu können – alles das nagt am Selbstwertgefühl des Jungen. Aber Timo hat inzwischen eine neue Sportart entdeckt: das Tauchen.

Spielerische Bewegungserziehung unter Wasser

Seit er eine Prothese trägt, geht Timo zum Gehtraining in die Duisburger Unfallklinik. Dort erfuhr die Familie von Schnuppertauchkursen, die im Bewegungsbad der Klinik regelmäßig angeboten werden. Für die Wasserratte Timo keine Frage: Das musste er ausprobieren! Und er war vom ersten Tag an begeistert. Das Tauchen macht Timo nicht nur Riesenspaß, sondern tut seiner Seele und seinem Körper gut. „Und dann tut es auch uns gut“, sagt seine Mutter.

Unter Wasser muss Timo sich nicht mit der Prothese herumärgern, er ist schwerelos und kann ganz spielerisch seinen Gleichgewichtssinn schulen. Denn er muss lernen, das fehlende Bein auszugleichen. Aber was vor allem zählt: Tauchen macht Timo stark. Es ermutigt und stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Dass er weiß, dass er im Prinzip keine Grenzen hat, dass er alles machen kann, was er möchte, das ist für ihn wichtig“, davon ist Timos Vater überzeugt.

Engagiert für den Behindertentauchsport

Angeboten werden die Kurse vom Dinslakener „Verein zur Förderung des Behindertentauchens in Deutschland e.V.“. Der Verein arbeitet eng mit der Duisburger Unfallklinik zusammen, die das Tauchen in ihr Therapieangebot integriert hat. „Wir bekommen hier große Unterstützung“, betont Dirk Wondrak, einer der Mitbegründer des Vereins und treibende Kraft. Im Hauptberuf ist er Feuerwehrmann, in seiner Freizeit leidenschaftlicher Taucher und engagierter Trainer mit Spezialausbildung für das Behindertentauchen. Gemeinsam mit Betroffenen, Physiotherapeuten und anderen Tauchlehrern hat er den Verein aufgebaut. Auch Miriam Prümer ist mit Begeisterung dabei. Sie ist Physiotherapeutin in der Klinik und hat schon viele Male erlebt, wie positiv sich das Tauchen auf verunglückte Menschen auswirkt.

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“

Vereinspartner der ersten Stunde ist Olaf Winkler. Seit einem Motocross-Unfall vor acht Jahren ist er querschnittsgelähmt und Rollstuhlfahrer. Der Tauchsport hat ihm geholfen, zurück ins Leben zu finden. Mittlerweile kennt er Tauchreviere in aller Welt. Auch er ist ausgebildeter Behindertentauchlehrer. Als Betroffener genießt er natürlich besonderes Vertrauen. Er weiß schließlich, wovon er spricht, wenn er sagt: „Tauchen mit Handicap? Kein Problem!“ Überhaupt ist das die häufigste Frage, die ihm gestellt wird: „Geht denn das?“ Und da gibt es für Olaf Winkler nur eine Antwort: „Geht nicht, gibt es nicht. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Das ist sein Lebensmotto: Grenzen verschieben.

Engagement für die Integration

Der Verein hat sich die Integration auf die Fahne geschrieben. Er will Berührungsängste abbauen und Betroffenen Mut machen, etwas Neues auszuprobieren. Gerade beim Tauchsport fehlt es oft an den dafür nötigen Voraussetzungen. Was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, stößt bei Behinderten auf große Hindernisse und Probleme, angefangen vom barrierefreien Zugang bis hin zur Hilfestellung beim Ankleiden oder Anlegen der Tauchgeräte. Vor allem aber müssen die Betroffenen erfahrene Tauchlehrer mit einer Spezialausbildung finden. Und davon soll es in Zukunft mehr geben, für dieses Anliegen macht sich der Verein besonders stark. Daneben bemüht er sich um Trainingszeiten in Hallenbädern, bietet Schnuppertauchkurse an oder organisiert Tauchreisen.


Für jeden Betroffenen einen Weg finden

Tauchschüler mit Handicap werden in drei verschiedene Level eingeteilt, je nach Grad ihrer Behinderung, ihren Fähigkeiten und danach, welche Art von Hilfestellung sie benötigen. Voraussetzung ist – wie für Menschen ohne Behinderung auch – eine ärztliche Tauchtauglichkeitsbescheinigung. Die kann eingeschränkt sein, zum Beispiel mit einer Tiefenbegrenzung.

Sicherheit wird bei dieser Sportart ohnehin groß geschrieben. Gegenseitiges Vertrauen und die Kommunikation des Teams unter Wasser spielt dabei eine große Rolle. Timo ist Level-3-Taucher. Er hat zwei Trainer. Einer führt, der andere hält Augenkontakt zum Tauchschüler. Augen und Mimik verraten viel eher als ein Handzeichen, ob es dem Taucher gut geht oder nicht.

Bald steht für Timo ein großes Ereignis bevor: Zu seinem Geburtstag im Dezember darf er zum ersten Mal in einem See tauchen.

Quelle: WDR-Servicezeit  
 
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